Winterfreuden

„Schachmatt!“, rief sie und kippte seinen König um. Um sie herum veränderte sich die Landschaft im stetigen Aufwärtsstreben der Gondel. „Der König ist tot.“
Das stimmte zwar nicht ganz, doch er trug die Stricksocken, die sie ihm zum Jahrestag geschenkt hatte und wollte diese gern behalten, also riss er seinen Blick von den schneebedeckten Baumwipfeln unter ihnen los und sagte: „Tja, du wirst immer besser.“
Er blickte in ihr verzücktes Gesicht und fragte sich wieder einmal, wie er hier gelandet war. Zusammen mit ihr.
Plötzlich veränderte sich die Landschaft nicht mehr, die auf dem Brett verbliebenen Schachfiguren zitterten genauso wie das Stahlseil, das die Gondel trug. Ein technisches Problem.
„Prima!“ Sie streifte ihre Skihandschuhe ab und klaubte hastig die heruntergefallenen Figuren von der Sitzbank. „Zeit für noch eine Runde.“
Er half ihr, lächelnd bemüht sich das genervte Stöhnen, das in seinem Kopf von innen nach außen drängte nicht anmerken zu lassen. Immer noch lächelnd ließ er sich wieder einmal matt setzen.

Bühnenstaub

Sie tastet sich auf flachen schwarzen Schuhen durch den Raum. Der Saum ihres Kleides schlägt um ihre Knie. Die Noten hält sie in der Hand wie einen Teddy – mit verzweifelt klammernder Zärtlichkeit. Ihr Blick ist auf ihn gerichtet – auf den Flügel – sie steigt die Stufen der Bühnentreppe herauf.
Auf der Bühne beginnt sie zu zittern, denn ihr ist kalt, so kalt, trotz der Scheinwerfer, die Röte auf ihre Wangen pinseln. Ihre Hand umklammert den Flügel, er ist ihr Halt, ihr Partner. Die Noten gleiten auf das Pult. C-Moll. Der Klavierhocker unter ihr fühlt sich fremd und groß an, doch sie verdrängt den Gedanken. C-Moll. Sie schaut auf die Noten: C-Moll. Ja, aber wie? Sie streichelt die Tasten. Bebende Finger gleiten über polierten Kunststoff. Sie streichelt die Tasten. Sie sind ihre Freunde. Fremde Freunde. Verlorene Freunde. Sie kann C-Moll nicht finden.
Der kalte Schweiß bricht ihr aus, aus Traum wird Albtraum, ein Moment verstreicht und ein nächster und ihr Instinkt schreit: Flucht! Flucht vor den Tasten, Flucht vor ihr selbst und den Stimmen, die ihr sagen, was sie tun soll. Sie hat C-Moll verloren.
Die Luft füllt sich mit Staub aus dem Bühnenvorhang – sie füllt sich mit Vertrautheit. Hier hat sie am Nachmittag gespielt. Es ist egal. Der Flügel ist wieder ihr Freund und sie muss C-Moll nicht suchen, denn es hat sie gefunden.

Geliebter Sommer

Sie will durch ein Kornfeld laufen. Durch ein Kornfeld mit dir. Nebeneinander in den Traktorfurchen, umgeben vom hüfthohen Gewaber goldgrüner Stengel.
Sie will steppen im Kornfeld, weil steppen in einem Kornfeld das Beste ist, was es gibt. Wenn die wogenden Ähren den Takt geben und den Rhythmus aufnehmen, spürt sie das Glück so deutlich, dass sie platzen könnte. Und weil sie es nicht festhalten kann, läuft sie ihm hinterher.Sie will rennen, rennen durch das Kornfeld. Ihr haltet euch an den Händen und rennt und rennt, dorthin, wo das Feld aufhört und der Himmel beginnt. Und wenn eure Füße den Boden nicht mehr berühren, wenn ihr zu fliegen scheint und der Duft von reifendem Korn euch trägt, dann fällt sie dir in die Arme und sagt: „Genauso will ich es haben.“ Und sie lacht und lacht und lacht.
Und dann wachst du auf und hörst noch ihren lachenden Atem in deiner Nase tanzen. Du drehst dich um. Wenn du die Augen schließt, kannst du sie sehen, sie riechen auf ihrer Seite des Bettes, auf der heute die Katze schläft.

Potz Blitz

„Ich liebe Gewitter“, sage ich, als wieder ein Blitz durch den Himmel zuckt.
„Ja, solange nicht irgendwo in der Nähe der Blitz einschlägt.“
Ich muss lächeln, denn ich mag die Art, auf die du vorsichtig die Welt betrachtest. Du denkst immer an alles.
Ich rutsche näher an den Fensterrahmen, damit du dich zu mir aufs Fensterbrett setzen kannst. Ich klopfe leicht mit den Füßen gegen die Hauswand und bringe den Putz zum Klingen.
Dam Damm. Dam Damm. Dam Damm. Punktierte Viertel.
Es beginnt zu regnen, dicke Tropfen platschen auf meine Zehen, auf meine Waden und Knie. Ich will mich hinauslehnen, um die Tropfen mit dem Gesicht aufzufangen und zu spüren, wie sie auf meinen Wangen tanzen, aber du hältst mich zurück. Natürlich weiß ich, dass du Recht hast mit deiner Vorsicht. Wahrscheinlich gibt es im ganzen Dorf keinen einzigen Blitzableiter.
Aber das ist mir egal, denn heute will ich es einfach lieben. Ich will den Donner umarmen und mit den Blitzen tanzen, will mit dir vom Fensterbrett springen und spüren wie der Regen uns auffängt.
Plötzlich ist es vorbei. Die Regentropfen werden immer kleiner, bis sie schließlich ganz verschwinden. Der Himmel klart auf und wir können die Sterne sehen. Von dem Gewitter bleibt nur der Duft von Regen auf dem feuchten Gras, das Knistern in meinen Haaren – und der leise Anflug von Melancholie, als ich die Beine wieder in dein Zimmer schwinge, vom Fensterbrett gleite und dir dabei zusehe, wie du sanft das Fenster schließt.

 Die Chlorhühnchenfrage

„Der Weltuntergang beginnt mit einem Chlorhühnchen.“, sagt sie. „Ich habs schon immer gewusst.“
Ihr Freund, der im Türrahmen lehnt, zieht die Augenbrauen hoch.
„Haben wir wieder die Tagesschau geguckt? Oder warum reden wir mit dem Fernseher?“
„Dieses Freihandelsabkommen ist einfach skandalös. Und undemokratisch.“
Er verdreht die Augen.
„Du hattest mir versprochen, nicht die Tagesschau zu gucken, wenn wir noch etwas vorhaben.“
„Ja, weil du dich nicht politisch interessierst.“
„Nein, weil du danach immer völlig besessen bist.“
Sie schleudert das Kissen, das sie bis jetzt an sich gepresst hat, in seine Richtung. Es verfehlt ihn um etwa einen halben Meter.
„Heißt das, dass ich Recht habe?“, fragt er.
„Gib mir das Kissen zurück, ich habs mir anders überlegt.“
Er hebt das Kissen auf und setzt sich neben ihr aufs Sofa.
„Das kannst du nicht machen. Wir sind zu Saskias Geburtstag eingeladen, schon vergessen?“
Sie beißt sich auf der Unterlippe herum und er weiß, dass er gewonnen hat.
„Aber wo kommen wir denn hin, wenn wir uns nicht mehr politisch informieren?“, fragt sie. „Und es stimmt doch, dass diese Chlorhühnchen…“
Weiter kommt sie nicht. Ihr Freund hat sich zu ihr hinüberlehnt und sie geküsst.
„Komm, mein kleines Chlorhühnchen.“, sagt er. „Wo kommen wir denn hin, wenn wir ohne Geschenk bei Sassi auftauchen?“
„Na gut.“ Sie steht auf. Plötzlich hellt sich ihre düstere Miene auf. „Vielleicht ist ja Paula auf der Party und die hat bestimmt auch…“
„Hey. Keine Chlorhühnchen auf dieser Party.“
„Ok, ok… Ein Geschenk haben wir deshalb trotzdem noch nicht.“
Einen Moment lang sehen die beiden sich ratlos an. Ihr Freund sucht mit den Augen das Zimmer ab, als wären dort Ideen versteckt.
„Also, ich für meinen Teil hab schon lange kein Bild mehr gemalt.“, sagt er dann.
„Wir könnten auch spontan was dichten…“
„Oder wir singen ihr einfach was vor! Diese ganzen Geschenke sind ohnehin sinnlos.“
„Ja, gute Idee!“
Hand in Hand verlassen sie das Wohnzimmer. Wenig später sind sie auf dem Weg.
„Weißt du was?“, sagt sie nach einer Weile. „Ich hab jetzt schon ein schlechtes Gewissen…so ganz ohne Geschenk.“

Lästerschwestern

„Du hast mir nicht gesagt, dass wir den Auftritt schon am 07.06. machen!“ Jaqueline steht ganz plötzlich vor mir – ich habe sie nicht kommen sehen. Nun stemmt sie die Hände in die Hüften und schaut mich böse an.
„Äh, was?“ Im ersten Moment bin ich mir keiner Schuld bewusst, doch dann dämmert es mir. „Tja, du hast die letzten vier Treffen verpasst. Der Termin steht seit über zwei Monaten. Du hast dich ja nicht informiert.“
Jaqueline gibt ein wütendes Schnauben von sich. „Ich war krank. Woher sollte ich das wissen?“
Ich verdrehe die Augen. Ihre Wut berührt mich nicht sonderlich, denn sie ist einen halben Kopf kleiner als ich und das gibt mir das Gefühl, ihr nicht nur geistig überlegen zu sein. Ich weiß, das ist gemein, aber was soll man machen?
„Du hast es verplant und jetzt bin ich Schuld?“
„Es geht ja nicht um Schuld.“, sagt Sirka, die hinter Jaqueline stehen geblieben ist und mich genauso böse anguckt. „Aber du hättest uns ruhig Bescheid sagen können. Jetzt haben wir noch gar nichts geplant.“
Jetzt hat sie mich aber. Ich bin schuld, dass sie es in einem ganzen Schuljahr nicht geschafft haben, ihren Part auf die Reihe zu kriegen? Ich fange an zu bereuen, dass ich diese blöde Acapella-Gruppe überhaupt gegründet habe. Es ist jedes Mal dasselbe Theater.
„Tut mir leid.“, sage ich. Meine Stimme zittert ein bisschen, denn jetzt bin ich auch wütend. „Wir mussten euren Part leider anderweitig besetzen. Und, ganz ehrlich? Wir machen einmal im Jahr ein Konzert und es ist immer das gleiche. Wisst ihr was? Heute kotzt ihr mich alle an!“
Ich weiß nicht, woher die Wut auf einmal kommt, aber plötzlich ist sie da. Die letzten Worte schreie ich ihnen ins Gesicht, dann drehe mich um und jogge in Richtung Mädchen-Klo.
Hinter mir höre ich Sirka noch „Och man, Sarah, ey.“ sagen, aber ich drehe mich nicht um. Ich zittere vor Wut. Heute ist mir alles zu viel. Ich hab keine Lust mehr auf Verantwortung. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Konzert. Mir reicht’s!
Wenig später in Geschichte höre ich Sirka und Jaqueline hinter mir tuscheln. Ich bin sicher, dass mein Name fällt. In Englisch diskutiert schon der halbe Kurs mit, denn es haben sich noch mehr Mitglieder der Gruppe angefunden, die auf einmal völlig überrascht von dem Termin sind.
„Es interessiert sie nicht einmal, dass ich sie hören kann.“, sage ich zu Lene, die neben mir sitzt und seelenruhig Wörter im Oxford-Dictionary nachschlägt.
„Wenn du willst, kann ich ihnen auf dem Weg zum Schrank ein paar Beine stellen und irgendwem das Wörterbuch auf den Kopf fallen lassen. Niemand würde sich etwas dabei denken.“
Ich muss lachen, denn es stimmt. Lene ist so ein liebenswerter Tollpatsch, dass niemand ihr böse Absichten unterstellen würde.
„Lass mal. Aber es tut schon irgendwie weh. Ich habe wochenlang dieses Konzert vorbereitet und jetzt bin ich an allem schuld.“
„Ja, ist schon irgendwie, äh, unnice.“, sagt Lene. „Und wenn du Aggressionen hast, stehe ich voll hinter dir. Ansonsten ignorier‘s einfach.“
Und das mach ich dann auch. Davon gehen meine Aggressionen zwar nicht weg und ich hab den ganzen Tag das dringende Bedürfnis, mit ausgestrecktem Mittelfinger rumzulaufen und zu rufen: „Aus dem Weg, ich mag dich heute nicht!“, aber mein Umfeld muss nicht so sehr darunter leiden…
Manchmal ist es einfach so. Du übernimmst Verantwortung. Du bist an allem Schuld. Du übernimmst keine Verantwortung. Du bist an allem Schuld. Sie reden vor und hinter meinem Rücken, aber das ist mir jetzt egal.
Liebe Lästerschwestern, einen Schuldigen kann man immer finden. Und wenn ihr mal wieder einen braucht:
Ich melde mich freiwillig.

Das Paar

Sie sitzen nebeneinander auf der Feldsteinmauer, die Gesichter einander zugewandt. Er hält ihre Hand, streichelt mit dem Daumen über ihr Handgelenk.
„Immer noch ein bisschen zu schnell, dein Puls.“, sagt er.
„Du machst mich eben nervös.“
Er lacht. Die Sonne spielt auf ihrem Haar, er kann kaum die Augen abwenden. Er streicht ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und beugt sich so nahe an sie heran, dass er ihren Atem an der Wange spürt. Sie schaut ihn erwartungsvoll an.
Seine Finger gleiten durch ihr Haar, tasten die Kopfhaut darunter ab. Sie zuckt nicht zurück.
„Nicht einmal ein Kratzer.“, murmelt er verblüfft.
„Da sieht man es mal wieder.“
„Was?“
„Dass auch tollpatschige Menschen ab und zu eine Glückssträhne haben.“ Während sie das sagt, betrachtet sie ihre Handflächen, an denen die Haut abgeschürft ist. Er nickt. Immer noch hat sein Gesicht einen ungläubigen Ausdruck.
„Kann man wohl sagen.“, sagt er „Ich meine, wer fällt mit einem Blumentopf in der Hand eine halbe Treppe herunter und holt sich nicht einmal eine Schramme?“
„Na, ein paar blaue Flecken werd‘ ich schon bekommen.“
Sie kichern los. Eine alte Dame und ihr Dackel gehen vorüber.
„Ihr seid wirklich ein hübsches Paar.“, sagt die Dame, während ihr Hund an der Mauer herumschnüffelt und anschließend das Bein hebt. Wieder können sie ihr Lachen kaum unterdrücken.
Doch plötzlich wird sie ernst. „Heute hatte ich Glück und es war sogar ganz lustig, aber sonst immer… Ich bin das Gespött meiner Klasse und eine Gefahr für meine Umwelt.“ Sie lässt den Kopf hängen.
„Dabei sind tollpatschige Mädchen die Schönsten.“, versichert er ihr.
„Wirklich?“ Sie wird rot, als er nickt.
„Ich muss dann auch mal los.“, sagt sie „War nett, dich kennengelernt zu haben.“
Er sieht ihr nach, beobachtet, wie sie sich noch einmal umdreht, winkt und dabei über eine Bordsteinkannte stolpert.
„Ja.“, sagt er, obwohl sie ihn schon längst nicht mehr hören kann „War nett, dich kennengelernt zu haben.“

Weltretterinstinkt

Ich will die Welt retten. Wollte ich schon immer. Die Welt will sich nur nicht retten lassen. Aber ich  gehöre natürlich nicht zu der Sorte Mensch, die sich von furchtlosen Versuchen entmutigen lässt.

Ich stehe an der Bushaltestelle.
Der Bus kommt – wie immer zu spät- und ist gefüllt bis unters Dach.
Ich schaue mich um und quetsche mich schließlich neben einen Mann mit langem dunklen Mantel und Aktentasche. Er trägt sogar einen Hut. Ein seriöser Fleischesser. Ich wende mich ihm zu.
„Hallo! Haben sie schon einmal darüber nachgedacht, wie viel Unrecht es auf der Welt gibt?“

Er runzelt die Stirn und sieht nicht sehr erfreut aus. „Heute noch nicht.“
„Aber das Unrecht ist trotzdem da.“, sage ich. „Das ist das Problem.“
„Ich verstehe nur nicht, was mich das angeht.“, sagt der Anzugmann. „Nicht morgens um halb sieben.“
Solche Antworten kann ich überhaupt nicht leiden.

„Wie glauben sie sähe die Welt aus, wenn das jeder sagen würde?“ „Und dafür sind Tiere gestorben!“, füge ich hinzu, als er auch noch ein Wurstbrot aus der Tasche holt.
„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“. sagt er und beißt ab.
„Aber…“ Das kann doch wohl nicht wahr sein! „Öffnen sie doch ein Mal die Augen! Das Ferkel, das da auf ihrem Brot liegt, könnte heute noch leben und glücklich über eine Wiese hüpfen.“
„Oder auf einem anderen Brot liegen.“, sagt der Anzugmann und verdreht die Augen.
„Ach kommen Sie schon, sie… sie … Anzugträger!“
Die Hand des Mannes tastet nach dem Klingelknopf. Der Bus hält.

„Ich rate Dir eins“, sagt der Anzugmann erhebt sich und drückt mir die andere Hälfte seines Wurstbrotes in die Hand. „Versuchs mal zu einer anderen Uhrzeit. Und um Himmelswillen nicht im Bus.“
Fassungslos klappe ich das Brot auseinander. Mir schießt das Blut ins Gesicht. „Ach, und übrigens“ Der Anzugmann wendet sich zum Gehen. „Für mich sind seit längerem keine Tiere mehr gestorben. Schönen Tag noch.“

Mittlerweile sind meine Wangen genauso rot angelaufen, wie die „Schmeckt wie Salami“- Tofuwurst auf dem Brot des Anzugmannes.

 

 

3 Takte

Cis. Er webt wieder den November. Fis. Wie von selbst gleitet seine Hand – Gis – auf die Klavierbank, wo – A – sie so oft gesessen hat.
Cis – Gis – Cis – Fis – Fermate.

Cis – Gis – A – Cis – Cis. Zu viele Töne in rascher Folge. Fis. Seine Hand ballt sich zur Faust. Sie – A- kennt das Stück zu gut. Hört noch ihr – Cis – Lachen, spürt – Gis – noch die Gänsehaut, die sie immer bekam, wenn  – Cis, Gis – er spielte.
Er schließ die Augen, will vergessen. Will es wirklich. Cis. Er braucht eine neue Tonart, einen Tapetenwechsel.

A – Cis – E. Er sieht auf seine Hände. Sie formen A-Dur, die Paralleltonart von Fis-Moll. Von der Tonart, in der sein Stück spielt.
Die Botschaft ist eindeutig.
A. Anfang, ja. Cis. Vergessen, nein. E.
„Ich weiß, ich weiß.“, sagt er seinen Händen. „Ich will sie auch nicht vergessen.“
A. Cis. E.

Er schließt den Klavierdeckel, steht auf und geht hinaus.
A – Cis – E.
Er summt ein neues Lied.

 

 

 

FUNK ME
oder Das verflixte Lampenfieber
(nach dem Lied: Kansas City Funk)

„Man könnte meinen, du bist nervös.“
„Bin ich nicht!“
Natürlich ist das gelogen. Meine Handflächen schwitzen, meine Hände zittern. Warum? Ich so nervös bin? Ich weiß es selbst nicht so genau. Ist es nicht egal? Es zählt nur, dass es so ist und das Warum, das hat euch nicht zu interessieren.

„Jetzt halt doch mal still.“
„Ich bin ganz still.“
„Ja, aber du bewegst dich.“
„Gar nicht wahr.“
„Eine Herde Flamingos wäre unauffälliger als du.“

Bewegen sich Flamingos in Herden? Oder in Rudeln? In Rotten? Ich weiß es nicht. Es zählt nur eins. Ich bin nervös. Fürchterlich nervös. Nervöser als ein Rudel Mäuse oder ein Schwarm Jagdhunde. Ich bin nervös. Aber das Warum, das hat euch nicht zu interessieren.

 

 

Der Kuss

Ich drehte mich im Kreis. Mal wieder. Im Strom der Schüler hatte mich jemand aus der Bahn geworfen und hier stand ich nun. Ich hatte doch nur zu meinem Schließfach gewollt.
Ich hielt meinen Stab vor mir auf den Boden, meine nackten Füße fühlten nichts außer Linoleum.
Wenn mich nicht irgendein Idiot von meiner Linie geschubst hätte, wäre das nicht passiert. Garantiert war es ein Siebtklässler gewesen. Einer von denen, die sich noch nicht an mich und meine Linie gewöhnt hatten.

Wenn ich so darüber nachdachte, war es wirklich „meine Linie“. Nichts weiter als ein huckeliger Streifen auf dem Fußboden, der sich in jedem Gang anders anfühlte. Ach ja, und an der Wand waren auch so Markierungen.
Mein Stock klackerte über den Flur, bis er an ein Hindernis stieß. Eine Wand. Ich tastete sie nach einer Markierung ab. S für Sprachen, N für Naturwissenschaften, M für Mathe.

„Hey, hast du dich verlaufen?“
Ich war mit meiner Suche so beschäftigt gewesen, dass ich ihn – wer immer er auch war – erst bemerkte, als er direkt hinter mir stand. Ich fuhr herum und – ach du Scheiße! – berührte seine Lippen. Mit meinen. Oh mein Gott, was ging hier nur vor?! Wie nah hatte er hinter mir gestanden?

Wir bewegten uns nicht. Ich, weil ich nicht konnte (ihr wisst schon, die Wand) und er… Wer wusste schon, was in so einem Jungshirn vorging?

Sekunden verstrichen…

Warum zum Teufel bewegte ich mich nicht?

Plötzlich bewegte er sich, doch nicht etwa, um mich gehen zu lassen, oh nein… Er begann, mich zu küssen. Richtig zu küssen. Und es gefiel mir.

„Also wirklich.“ Eine Stimme schallte durch den Gang. Au weia. Das war mein Biolehrer. Garantiert hatte es schon längst geklingelt. „Ich dachte, ich müsste dich retten und du… kannst du dich der experimentellen Sexualbiologie nicht außerhalb meines Unterrichts widmen? Und du!“ Jetzt sprach er wohl mit… nun ja… ihm. „Was hast du gerade? Kunst? Irgendein Fach, das dir das Recht gibt, in der Unterrichtszeit ein blindes Mädchen zu verführen?“

Uups. Es war Zeit einzugreifen.
„Sie können mich doch jetzt retten.“, schlug ich vor „Aber ich war noch nicht beim Schließfach.“
Der Biolehrer stöhnte. ER kicherte.
„Wann sehen wir uns wieder?“, fragte er dann.
„Keine Ahnung, wann du mich wiedersiehst, aber ich dich bestimmt nicht.“
„Ach sch… Sorry, ich“
„Schon gut.“ Plötzlich ärgerte ich mich selbst über meine scharfe Antwort. „Nach der 6. bei den Schließfächern?“
„Ist gut.“

Bei dieser Zusage machte mein Herz einen kleinen Satz. Was ziemlich merkwürdig war.

„Wir sehen uns.“, sagte ich. Er lachte.

Mich hätte wirklich interessiert, wer er überhaupt war. Oder wie er mit Vornamen hieß.